„Ich denke immer schon einen Kampf weiter“

Interview mit Meryem Uslu

Die K1 und Muay Thai Kämpferin aus Hamburg (55Kg) hat bereits im Alter von 10 Jahren mit Kampfsport begonnen. Mittlerweile hat sie sich 5 Weltmeistertitel erkämpft – Mit 30 Jahren 81 mal im Ring gestanden und davon 65 Kämpfe für sich entscheiden können.

Ich traf Meryem im November 2017 im Berliner Hauptstadtgym, wo sie einen Workshop abhielt. Nach einem 2 1/2 stündigen Training, in dem sie ein großes Repertoire verschiedener Kombinationen vorstellte, setzten wir uns zum bereits verabredeten Interview zusammen.

Bereits mit 10 Jahren begann die Tochter türkischer Eltern mit dem Kampfsport – angespornt von ihrem Vater, der so die Selbstbehauptung seiner Kinder und die Fähigkeit sich selbst verteidigen zu können fördern wollte. Nach einigen Wettkämpfen im Karate wechselte Meryem zum Muay Thai: „Mir hat beim Karate einfach etwas gefehlt. Ich wollte den vollen Kontakt.“
Bereits nach 4 Monaten Training wurde sie gefragt, ob sie kämpfen wolle und sagte ohne zu zögern zu: „Wollte ich sofort. Man wusste damals im Vorfeld noch nicht groß was über die Gegnerinnen. Aber ich habe einfach ja gesagt“. Die Gegnerin für den ersten Muay Thai Kampf stellte sich dann als wesentlich erfahrener raus – bereits 8 Kämpfe – Ergebnis: unentschieden. Die nächsten zwei Kämpfe verlor Meryem „haushoch“, aber genau das, berichtet die Sportlerin, war eigentlich der Startpunkt ihrer sportlichen Karriere: „Ich bin dann sauer geworden und dachte, das kann doch nicht sein! Ich muss doch auch mal gewinnen! Ich hab dann da in der Kabine angefangen zu weinen und dann kam mein heutiger Trainer – der Lutz – und fragte „warum weinst du denn? Du hast doch schön gekämpft“. „Ich verstehe das nicht – ich trainiere so hart, aber ich verliere“. Und er sagte: Ja, weil deine Gegnerinnen sehr viel erfahrener sind. Ich kümmere mich um dich“ Und so ging es los!
Nun hab ich mittlerweile 81 Kämpfe und immer Lutz an meiner Seite als meinen Trainer“.

Dabei, so erzählte sie mir, gab es nie die bewusste Entscheidung in den Profisport zu wechseln, aber jede Niederlage ließ die Sportlerin noch ehrgeiziger werden:
„Ich hab zwei Mal um Amateurweltmeistertitel gekämpft, beide Male verloren und dann war ich so ehrgeizig, dass ich mir später 5 Weltmeistertitel geholt habe. 13 Jahre sind es nun schon. Wie schnell die Zeit vergeht. Es gab nie die Entscheidung von wegen ich will jetzt ne Profischiene fahren. Es war einfach so: Das ist mein Sport. Das ist mein Hobby und das hab ich immer weiter gemacht, neben allem anderen. Meinen 7. Kampf habe ich schon im Ausland gemacht – wurde dann auch bekannter, es hat sich rum gesprochen und ich habe dann viel international gekämpft. Und da hört man dann auch nicht mehr auf wenn man hört, man darf nach Kanada oder sonst wo. Das hat immer Spaß gemacht.“

Dabei ist die Existenz als Vollzeitsportlerin in dieser Disziplin keine leichte, denn Sponsoring ist heute kaum noch aktuell und die Gagen für Kämpfe gering. So berichtet Meryem: „Ich hab jetzt einen Job gefunden, wo ich das verdiene, was ich brauche im Monat, auch versichert bin und kann so professioneller trainieren. Also zwei mal am Tag. Das ist schon ne Menge wenn man bedenkt, dass die, die Vollzeit arbeiten, viel weniger Zeit haben. Ich quetsche alles so zusammen, dass ich nur an drei Tagen arbeite – Doppelschichten – und kann dann an den anderen Tagen zwei Mal am Tag trainieren. Mit Sponsoren habe ich’s nicht so. Heute wollen sie dir nur noch ‘ne Hose schenken oder ein Paar Handschuhe schenken. Davon kann man nicht leben.“
Zusätzlich gibt Meryem regelmäßig etwa einmal im Monat Workshops wie heute in Berlin. Rum zu kommen, unterschiedliche Gyms zu besuchen, in denen Stile immer variieren, und Wissen weiterzugeben sind ihr Ansporn dafür.

Die Reaktionen auf ihren Lebensentwurf sind sehr positiv, berichtet Meryem. „Viele fragen mich: Machst du Sport? Du siehst so aus! – Es kommt bei den meisten Leuten super positiv an. Wird sehr gut und herzlich aufgenommen. Egal wo.“

Meryem erzählt mir nie eine Benachteiligung ihrer Position im Sport aufgrund ihres Geschlechts empfunden zu haben. „Den Männern was beweisen? Das hatte ich noch nie. Ich wusste was ich kann und das hab ich gemacht. Ich bin da vielleicht auch ein bisschen anders vom Denken her. Ich habe nicht immer das Gefühl benachteiligt zu sein oder irgendwie schwächer zu sein. Sondern ich bin ich und wer mich mag, mag mich und wer nicht, der nicht. Das ist immer so mein Motto gewesen und so habe ich auch trainiert.“ In dem Vergleich zwischen sich selbst und anderen Sportlerinnen findet Meryem lediglich neue Motivation, neue Anreize und somit noch mehr Ehrgeiz: „Wenn ich eine Kämpferin sehe die besser ist, ist das eine Herausforderung. Denn wenn sie schnell ist, dann will ich noch schneller sein. Ich bin da Perfektionistin“. Und genau darin liegt auch ihre Motivation zu kämpfen: „Anfangs, noch als Kind, war Kämpfen für mich einfach nur einen Pokal mit nach Hause zu nehmen – Trophäen kriegen. Die Eltern begeistern. Nachdem ich meinen ersten Kampf verloren hatte, da bedeutete Kämpfen für mich, an mir zu arbeiten, besser zu werden, voran zu kommen. Je mehr Kämpfe ich mache, desto besser werde ich. Es geht um Perfektionismus. Das ist Kämpfen für mich. Ich merke nach jedem Kampf, in dem die Gegnerin etwas gemacht hat, was gut war, dass ich mich frage: Warum mache ich das nicht? Und dann gehe ich ins Training und übe das, bis ich das auch kann. Wenn ich einen Kampf verloren habe, kann ich es kaum abwarten wieder zu kämpfen. Ich denke immer schon einen Kampf weiter. Ich will dann wieder in den Ring und es besser machen. Bei mir geht’s immer weiter.“

Bemerkenswert ist dabei auch Meryems Vielseitigkeit, da sie regelmäßig zwischen K1 und Muay Thai switcht, was durchaus keine Leichtigkeit ist. Was von Außen für Laien als mehr oder weniger das Selbe erscheint, birgt große Unterschiede in Rhythmus, Technik und Regelwerk. Insgesamt bewegt sich der Trend in Europa jedoch immer mehr Richtung K1.
„Früher hab ich nur Thaiboxen gekämpft. Dann hieß es K1 – da musste ich umswitchen und ich habe meine Schwierigkeiten damit gehabt. Mittlerweile ist es fast nur noch K1. England, Australien, Thailand, Kanada das sind die Thaiboxländer – Alle anderen Länder machen fast nur noch K1 – die meisten anderen Mädels trainieren auch schon kein Clinchen mehr. Man darf ja nicht mal mehr das Bein festhalten – Man hat uns da schon viel genommen und das hat mich auch viel Energie gekostet. Es fehlt mir und ich merke, dass ich es nicht mehr kann. Ich laufe jetzt in die Ellenbogen rein. Aber ich nehme die Einladungen für Muay Thai Kämpfe trotzdem an, um noch mehr kämpfen zu können. Aber es sind 2 verschiedene Sportarten.“

Ich danke Meryem für dieses inspirierende Gespräch. Auf beeindruckende Weise scheint sie nahezu unbeirrt ihren Weg zu gehen und sich dabei niemals selbst im Weg zu stehen. Natürlich kennen alle die Weisheiten, dass man aus Fehlern lernt und dass es oft die Niederlagen sind, die einen am meisten nach vorn bringen. Und die meisten wissen wohl auch, dass diese Weisheiten einen wahren Kern haben. Dies jedoch auch emotional annehmen zu können und nicht in Konflikt mit dem eigenen Ego zu geraten ist wohl für die meisten Sportler*innen eine Herausforderung. Im Falle Meryem Uslus scheint diese Weisheit allerdings alles andere als eine leere Floskel zu sein, sondern als selbstverständliches Grundprinzip gelebt zu werden. So etwas nennt sich wohl ein wahrer Sportsgeist!