Miteinander lernen statt gegeneinander kämpfen

Einige Gedanken zu Sparring, Sparringspartner*innen und -verletzungen

Als Sparring bezeichnet man Trainingskämpfe, in denen die eigenen Fähigkeiten praxisnah getestet werden können. Das Sparring ist ein wichtiger Teil des Kampfsport-Trainings, da sich erst hier zeigt, wieviel des vorher an Pratzen, dem Sandsack oder in Drills Geübten in einer realistischen Situation noch abgerufen und umgesetzt werden kann. Im Gegensatz zum Wettkampf sollte es im Sparring aber nicht um Gewinnen vs. Verlieren gehen, sondern um das gemeinsame Lernen. Im Weg steht hier leider wie so oft das Ego mancher Kampfsportler*in, was im schlimmsten Fall zu Verletzungen führen kann…

Zwei Haarrisse im Jochbein, eine Orbitalhöhlenfraktur, ein gerissenes Kreuzband, gerissene Innen- und Außenbänder im Knie, eine Meniskusverletzung, eine Knochenabsplitterung im Daumensattelgelenk mit Kapselriss; 3 OPs unter Vollnarkose, knapp 2 Wochen Krankenhausaufenthalt, Schienen, Rehas, Physio… Was nach dem Ergebnis eines Verkehrsunfalls klingt ist ein Teil meiner Liste von Verletzungen, die ich mir beim Sparring in verschiedenen Kampfsportarten zugezogen habe. Klar, Kampfsport ist nunmal nicht ungefährlich. Verletzungen gehören irgendwie dazu und scheinen unvermeidlich, gerade wenn man wettkampforientiert und auf hohem Niveau beziehungsweise mit hohem Pensum trainiert. Problematisch ist es meines Erachtens aber, dass all meine Verletzungen nicht in echten Wettkämpfen, sondern im Training, genauer in Trainingskämpfen, zumeist mit physisch stärkeren und schwereren Trainingspartnern passiert sind.

Sparring ist unerlässlich, um herauszufinden, wieviel dessen, was man im Training geübt hat, unter Druck, Gegenwehr, Erschöpfung usw. noch abgerufen werden kann. Der Sandsack wird nicht zurückschlagen, wenn ich die Deckung fallen lasse, mein Sparringspartner schon. Beim Drillen klappen im BJJ die schönsten Übergänge und Submission-Flows, wenn der Gegner sie antizipiert und darauf vorbereitet ist, werde ich aber möglicherweise schneller gesweept und lande selbst in der Defensive, als ich ‚Omoplata‘ sagen kann. Sparring ist meines Erachtens einer der wichtigsten Teile des Kampfsport-Trainings, besonders für alle, die Wettkämpfe bestreiten wollen. Und tatsächlich halte ich es auch für jene, die ihren Kampfsport zu Selbstverteidigungs- oder reinen Fitnesszwecken betreiben, für eine große Bereicherung. Es stellt physisch wie psychisch eine völlig andere Belastung dar, hilft in Stress-Situationen Ruhe und Handlungsfähigkeit zu bewahren und sorgt für inkorporiertes Lernen und eine bessere Automatisierung erlernter Bewegungsmuster. Obwohl er mit einem harschen Intro begann, wird dieser Text also keinesfalls ein Plädoyer gegen Sparring! Trotz der oben aufgezählten Verletzungen (und die Liste ist noch nichtmal annähernd vollständig) gehört Sparring für mich weiterhin zu meinem Training und macht mir viel Spaß. Geändert hat sich aber meine Herangehensweise und die Auswahl sowie der Umgang mit meinen Sparringspartner*innen.

„Leave your Ego off the mat“

Für mich einer der größten emanzipatorischen Effekte von Kampfsport ist die Tatsache, dass er einem unausweichlich vor Augen führt, dass man nicht unbesiegbar ist und sich alleine nicht weiterentwickelt.

Auch wenn die Ästhetik rund um viele Kampfsportarten vor allem im Wettkampfbereich oft sehr martialisch daherkommt, lernt jede*r Aktive auf dem Weg zum Wettkampfniveau auch sehr viel Demut und wird erkennen müssen, dass es immer jemanden gibt, der besser ist: ob auf Grund physischer Unterschiede wie Größe, Alter oder Gewicht, wegen unterschiedlichen Trainingsständen oder Trainingsmodi, verschiedenem Talent oder auch einfach nur unterschiedlicher Tagesform. Keine Boxer*in, die noch nie von einer anderen technisch ausgeboxt wurde, keine BJJler*in, die noch nie getapped wurde, also aufgeben musste, keine Thaiboxer*in, die nicht schonmal klar unterlegen war in einem Übungskampf. Emanzipatorisch ist diese Erkenntnis in meinen Augen, weil sie dem Einzelkämpfer-Mythos, der Kampfsport umgibt, entgegensteht. Jede*r, der einen solchen Sport betreibt wird früher oder später feststellen, dass er*sie nur mit einem guten Team, mit guten Trainingspartner*innen vorankommt. Verlieren/unterlegen sein gehört einfach dazu und gerade daraus entwickelt man sich als Sportler*in und Mensch, physisch wie psychisch weiter. Und genau dazu sind Sparringskämpfe da, zum gemeinsamen miteinander und voneinander lernen. Ohne Team wird es kein Kämpfer auf Wettkampfniveau schaffen, ohne gute Sparringspartner*innen kommt niemand im Sport voran.

Im BJJ zum Beispiel spiegelt sich diese Tatsache im von vielen Gyms als Regel festgehaltenen Satz „Leave your Ego off the mat“ wider: Lass dein Ego vor der Matte, bring es nicht mit ins Training. Gemeint ist damit einerseits, dass es im Training nicht nur um dich gehen soll, andererseits aber eben auch, dass man nicht persönlich gekränkt sein soll, wenn man im Sparring verliert. Dazu gehört dann beispielsweise auch, dass man als schwerere/physisch stärkere Person im Sparring mit einer leichteren/schwächeren Partner*in versucht, Gewicht und Kraft etwas rauszunehmen und eher technisch zu arbeiten.

Aber dann ist das doch alles kein Problem, oder?

In der Praxis ist es natürlich alles nicht so einfach. Während in einem richtigen Wettkampf Gegner zueinander passend mit ähnlichem Gewicht und Erfahrungsstand gepaart werden, versucht man im Sparring mit möglichst vielen verschiedenen Leuten zu üben, so dass auch mal völlige Anfänger*innen auf erfahrene Wettkämpfer*innen treffen oder man sich als 60kg Person jemandem mit 20 oder 30 Kilo mehr Körpergewicht gegenübersieht. Haben beide Partner*innen die Grundsätze des Sparrings verstanden und sind von ihren Fähigkeiten her in der Lage, sich zu kontrollieren, gibt es kein Problem. Ich rolle regelmäßig mit BJJ Braun- oder Schwarzgurten, also Leuten, die mir technisch weit überlegen und ausserdem fast immer deutlich schwerer und stärker sind als ich, mache Sparring mit meinem Boxtrainer und MMA-Profikämpfern in meinem Gym und habe bei all dem Riesenspaß und nehme ne Menge für mein Training daraus mit, sei es, weil sie jeden meiner Fehler sofort bemerken und mich darauf aufmerksam machen, ohne mich dabei in Gefahr zu bringen, oder weil sie mir bewusst Raum lassen, mich auszuprobieren und dabei immer die Übersicht behalten und mir sinnvolles Feedback geben.

Schwieriger ist es oft, mit Anfänger*innen zu sparren. Bei denen sind einerseits oben genannte Grundsätze oft noch nicht so angekommen und sie versuchen sich in Sparringskämpfen zu beweisen, durch einen „Sieg“ über jemanden, der schon länger trainiert und im Gym etablierter ist, vielleicht auch erfolgreicher Wettkämpfer ist, den eigenen Status zu erhöhen und ihre Fähigkeiten zu demonstrieren. Andererseits ist es auch gar nicht so einfach, technisch und kontrolliert zu kämpfen, die Schlag- oder Tritthärte genau zu dosieren oder einzuschätzen ob man einen Move im Bodenkampf gerade nur machen kann, weil man 20 Kilo mehr wiegt, die gleiche Bewegung mit jemandem in der eigenen Gewichtsklasse aber völlig unrealistisch wäre. Für soviel motorische Kontrolle und Selbstwahrnehmung ist ein relativ fortgeschrittener Trainingsstand Voraussetzung, der logischerweise bei Anfänger*innen noch nicht vorhanden ist. Diese Kombination aus etwas beweisen wollen, sich nicht kontrollieren können und die Idee hinter einem Sparring nicht verstanden zu haben, führt dann unter Umständen zu beschissenen Situationen und im schlechtesten Fall eben auch zu Verletzungen. Dazu kommt, dass sich Situationen gerne mal aufschaukeln: man bringt den deutlich schwereren Partner durch die eigene technische Überlegenheit etwas in Bedrängnis oder holt sich vielleicht die eine oder andere Submission und schon ist der eventuell vorher gefasste gute Vorsatz, nicht die ganze Kraft einzusetzen dahin…

#notallbeginners

Damit will ich nicht sagen, dass alle Anfänger*innen dieses Problem haben oder dass es ausschließlich auf diese zutrifft. Manchmal kommt es auch bei erfahrenen Leuten vor, dass sie plötzlich deutlich mehr Kraft einsetzen, als der Sparringssituation angemessen wäre und andererseits gibt es Anfänger*innen, die sehr vorsichtig sind und sich bemühen, ihren Gewichtsvorteil nicht auszunutzen und möglichst technisch zu bleiben, auch wenn das bedeutet, dass sie – würde man das Sparringsmatch auf einer Wettkampfebene betrachten – unterlegen sind. Grundsätzlich treffen sich aber die beiden angesprochenen Problematiken häufiger bei Anfänger*innen, besonders solchen, die ehrgeizig sind und Wettkampf-Ambitionen haben, als bei trainingserfahreneren Leuten.

Train smart – fight easy

Besonders schlimm wird das Ganze meines Erachtens, wenn hartes, kompetitives Sparring als Normalität im Gym etabliert und von den Trainern befördert wird. Dass man, wenn man in Wettkämpfen antreten möchte, auch mal unter Wettkampfbedingungen trainiert, ist völlig ok, richtig und wichtig. Für das alltägliche Training/Sparring (gerade beim Bodenkampf gehört Sparring in der Regel zu jeder Trainingseinheit dazu) halte ich es persönlich aber für falsch, immer ‚all in‘ zu gehen und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen:

1. Nur die wenigsten Sparringskämpfe finden zwischen Paarungen statt, die so auch im Wettkampf aufeinandertreffen würden. Stattdessen treffen hier häufig stark unterschiedliche Gewichts- und Leistungsklassen aufeinander.

2. Das Verletzungsrisiko erhöht sich enorm, sowohl, weil mit mehr Kraft und Explosivität gearbeitet wird, als auch, weil das Stresslevel steigt und man so zu unkontrollierteren Bewegungen/Reaktionen neigt und weil eben unter Umständen deutliche Gewichts- und Kraftunterschiede bestehen. Hinzu kommt, dass speziell ambitionierte Sportler*innen oder solche in unmittelbarer Wettkampfvorbereitung häufig ein hohes Trainingspensum absolvieren, das ebenfalls zu erhöhtem Verletzungsrisiko beiträgt. Gerade kurz vor einem Wettkampf ist das dann besonders ärgerlich, weshalb man in der Regel auch ca 1-2 Wochen vor einem Kampf nur noch lockeres, technisches Sparring macht.

3. Die Lernentwicklung ist geringer. Beim ersten Ausprobieren neu erlernter Techniken im Sparring klappen sie oft noch nicht sofort, es muss noch an der genauen Ausführung, dem richtigen Winkel und so weiter gefeilt werden. Sie auszuprobieren, um wirklich gut darin zu werden ist unerlässlich, wenn ich aber immer unter quasi-Wettkampfbedingungen sparre, lasse ich mich auf solche Experimente nicht ein, sondern bleibe bei den Techniken, die ich schon gut beherrsche und die mir daher am erfolgversprechendsten erscheinen. Das führt letztlich dazu, dass ich mich immer weiter auf schon Bekanntes fokussiere und darüber die Vergrößerung des Technik-Repertoires auf der Strecke bleibt oder zumindest deutlich ausgebremst wird. Kurz zusammengefasst könnte man auch sagen: aus Fehlern lernt man, deshalb muss man auch ab und an den Rahmen haben, diese machen zu können.

4. Verschiedene Trainingsintensitäten sind wichtig für optimale Trainingserfolge. Das heißt, auch mal ne Runde hochintensiv und unter Wettkampfbedingungen zu sparren ist genauso wichtig, wie mal ne halbe Stunde lang technisch, aber entspannt miteinander zu spielen. Das eine fördert die körperliche Ausdauer und Kraft, sowie die Stress-Resistenz und Routine, unter Druck zu agieren. Das andere unterstützt die kognitive Ebene des Trainings, ermöglicht das Herumexperimentieren mit neuen Techniken, verbessert die Grundlagenausdauer, Beweglichkeit und macht außerdem auch richtig viel Spaß.

Und nu?

Fakt ist, Kampfsport ohne Sparring kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Gleichzeitig möchte ich möglichst viel Effekt aus Trainingskämpfen ziehen ohne mich oder meine Partner*innen zu verletzen.

Sparring ist eben auch nicht gleich Sparring, jeder Trainingskampf ist individuell und kann ebenso gestaltet werden. Wichtig ist meines Erachtens einerseits, dass es einen grundlegenden Konsens innerhalb des Gyms oder Vereins und definitiv zwischen beiden Sparringspartner*innen gibt, dass es beim Sparring vor allem um Lernen für alle Beteiligten geht und dass das oberste Gebot immer eine Minimierung des Verletzungsrisikos ist, dass es um ein miteinander lernen geht und nicht um ein gegeneinander kämpfen. Auf Basis dessen kann dann jeweils ausgehandelt werden, wie das Sparring konkret ablaufen soll. Dafür ist es nötig, einige Fragen zu klären: Wie ist das Verhältnis der beiden Sparringspartner*innen in Bezug auf Gewicht, Kraft, Trainingsstand? Bestehen Verletzungen? Gibt es sonstige Einschränkungen? Einiges davon wird ohnehin offensichtlich oder bekannt sein und muss daher nicht jedes Mal explizit angesprochen werden, anderes sollte man durchaus adressieren. Beispielsweise gehe ich regelmäßig zu einer open mat, nachdem ich Nachtschicht gearbeitet habe und nur wenige Stunden Schlaf hatte. Das lasse ich meine Partner*innen dort dann in der Regel auch wissen, damit sie nicht mit blitzschnellen Reaktionen meinerseits rechnen und mich potentiell verletzen, weil diese nicht da sind. Sinnvoll kann es außerdem sein, konkrete Sparringsszenarien zu kreieren, zB für Anfänger*innen mit begrenztem Technik-Repertoire eine ganz bestimmte Aufgabe zu stellen, die zu bewältigen ist, anstatt einfach frei zu kämpfen. In jedem Fall finde ich es auch wichtig, meinen Partner*innen ein Feedback darüber zu geben, wenn sie zu hart, zu explosiv und in meinen Augen zu riskant kämpfen. Und sollten sich Leute als beratungsresistent erweisen, was kontrolliertes, sicheres Sparring angeht, ist es meines Erachtens auch völlig legitim, in Zukunft einen Bogen um sie zu machen und sich bei der Auswahl der Sparringspartner an jene zu halten, denen man vertraut und bei denen man vor Verletzungen wegen übersteigertem Ehrgeiz oder Ego sicher ist.

Kampfsport ist sicher nicht ungefährlich und Verletzungen lassen sich bei kaum einem hochintensiv trainierten Sport vermeiden. Sie sich aber ausgerechnet mit den Teampartner*innen im Training zuzuziehen ist mit ein paar einfachen Grundsätzen relativ leicht zu vermeiden.