Reflexionen aus ….der Quarantäne

Dieses Wochenende war eigentlich anders geplant. Gleich 2 Kampfsport-Galen sollten stattfinden und Teile der 1minless Redaktion wären als Kämpferinnen und Coaches (oder beides) aktiv dabei gewesen. Hier im Lockdown machen die Gedanken daran schon wehmütig! Aber stattdessen haben wir uns als 1minless die Zeit genommen Gedanken zu der Quarantäne aus unserer Perspektive als Sportlerinnen, Kämpferinnen & Trainerinnen im Kontext der gesellschaftlichen Zustände zu sammeln. Herausgekommen sind drei sehr persönliche individuelle Texte, die zwar unterschiedliche Perspektiven und Aspekte beleuchten sich aber ähnlichen Themen und Fragen stellen. Ohnmacht vs. Empowerment, Orientierungslosigkeit vs. Fokussierung, das Allein-Sein in den eigenen 4 Wänden ohne Ablenkung durch Training und der Versuch, sich von dieser Situation nicht unterkriegen zu lassen. Wir schildern unsere Umgangsweisen und Strategien damit und stellen uns die Frage was genau da eigentlich fehlt ohne unsere Trainingskontexte.

Die Welt steht Kopf – und ich mach Sport?
:stef

Eine unerwartete competition – ohne Wettkampf in die Quarantäne
:valverie

Vom Gym ins www. Quarantäne und virtuelles Training aus Trainerinnen Perspektive
:satela

Die Welt steht Kopf – und ich mach Sport?
:stef

Das Corona-Virus verändert gerade unser aller Alltag und möglicherweise langfristig das Zusammenleben auf der Welt. Menschen sind angehalten, Abstand zueinander zu halten und nur wenn absolut notwendig die eigenen vier Wände zu verlassen. Viele haben ihre Arbeit verloren, wurden auf Kurzarbeit gesetzt oder haben als Selbstständige derzeit keine Aufträge und mit den entsprechenden finanziellen Konsequenzen zu kämpfen. Geschäfte, Gyms, Kneipen und Clubs mussten schließen und es ist noch nicht klar wie lange. All jene, denen es vorher schon schlecht ging, flüchtende, illegalisierte und obdachlose Menschen trifft die Pandemie noch härter. Sie haben kein zu Hause, in das sie in Quarantäne gehen könnten, leben in Lagern zusammengepfercht und verlieren gerade die Nischen, die ihr Überleben erleichterten. Die tägliche Presseschau bringt einen zum Verzweifeln angesichts der Ohnmacht gegenüber diesen Verhältnissen.

Und dann spült einem social media Videos von Home-Workouts noch und nöcher durch die Timelines und man fragt sich, ob Menschen ernsthaft grade keine anderen Sorgen haben… so ging es zumindest mir in den ersten Tagen der Krise. Ich verfiel geradezu in eine Schockstarre und konnte nicht anders, als täglich alle News, Podcasts, Artikel und Statistiken zum Thema Corona und seinen Auswirkungen zu verschlingen und zu versuchen, alle Implikationen der Pandemie zu verstehen. Alles andere trat in den Hintergrund.
Irgendwann aber spürte ich, wie sehr mich der Mangel an Bewegung und die Flut an schlechten oder zumindest verunsichernden Nachrichten in einen mentalen Abwärtsstrudel zog und ich legte den Schalter um.

Sport und mentale Gesundheit
Sport war für mich immer auch ein Teil einer Strategie, mit Depressionen und mentalen Problemen umzugehen. Er half mir aus einer schweren Lebenskrise vor vielen Jahren und ist seitdem essentieller Bestandteil meines Lebens und wichtig für meine emotionale Stabilität. Der Fokus lag dabei immer ganz klar auf Kampfsport; Fitness, Kraftsport, laufen – alles schön und gut als Ergänzung, aber nur beim Kampfsporttraining gerate ich in einen Flow, bei dem alle Gedanken gemutet sind und ich ganz im Moment bin, fast eine Art Meditation. Dieses Kopf-Ausschalten in Verbindung mit Bewegung lässt mich jeden Tag – egal wie beschissen er angefangen hat und wie mies es mir vorher ging – positiv abschließen.

Nun also Corona. Kontaktsperre, Gym geschlossen, Events gecancelt – Kampfsport, meine Alltagstherapie, mein Seelentröster und wichtiger Teil-Lebensinhalt in weite Ferne gerückt. Gleichzeitig dieses Bedürfnis, zu verstehen, was da weltweit gerade vorgeht, was das alles mit den Menschen und den Gesellschaften, in denen sie leben macht… beide Faktoren lösen eine ohnmächtige Lähmung aus, aus der ich mich erst nach einigen Tagen lösen kann.

Den Schalter umlegen – selbst ermächtigen, raus aus Ohnmacht und Stillstand
Ich merkte, dass ich ganz schnell etwas ändern musste, um mich nicht weiter runterziehen zu lassen. Als ersten Schritt begann ich, meinem Tag eine klare Struktur zu geben, die er seit das Gym geschlossen war nicht mehr hatte. Wecker stellen, fixe Uhrzeit zum Aufstehen, dann Kaffee und eine klar definierte Zeit für Presseschau, danach Sport – meistens eine Runde joggen und danach 2-3 Sets Kraftübungen. Dann sonstige to dos (von homeoffice über Wohnung renovieren bis einkaufen oder was eben sonst so ansteht) und wanna dos (virtuell oder draußen Freund*innen treffen, ein Hörspiel hören, ein Buch lesen, etc). Abends dann nach Möglichkeit nochmal das Live Training meines Gyms mitmachen – so sollte die grobe Struktur jetzt aussehen. Natürlich klappt das nicht jeden Tag, einfach weil mal was dazwischen kommt oder die Motivation mal hängt, genau wie sonst auch. Aber zumindest hat der Tag wieder eine Struktur. Gleichzeitig hab ich mir Gedanken darüber gemacht, was man grade tun kann, um anderen Betroffenen zu helfen und habe angefangen, mich entsprechend mit Leuten zu vernetzen und mich darüber auszutauschen und entsprechend einzubringen. Diese beiden Sachen – Tagesstruktur mit regelmäßigen Sporteinheiten und soziale/politische Aktivität – klingen erstmal wie völlig verschiedene Paar Schuhe, sind für mich aber 2 Seiten der selben Medaille. Der Sport ist kein Selbstzweck und dient nicht der Selbstoptimierung, sondern hilft mir selbst klarzukommen und dadurch dann auch Kapazitäten zu haben, anderen zu helfen und mich gesellschaftlich/sozial/politisch zu engagieren. Beides, Sport und Engagement sind für mich Wege heraus aus der gefühlten Ohnmacht, in die einen die Auseinandersetzung mit dem Weltgeschehen, mit Kapitalismus und allem was daran hängt unweigerlich treibt. Kritisch betrachtet könnte man es auch als mein persönliches ‘Opium des Volkes’ (Karl Marx) betrachten, das mich befriedet. Ich sehe es aber eher als Mittel, nicht verrückt zu werden in einer Welt, die einen eigentlich nur verrückt machen kann, wenn man über sie nachdenkt…

Und… hat‘s geklappt?
Mein ‚Schalter umlegen‘ ist jetzt ziemlich genau 2 Wochen her. Um mich auch infrastrukturell zu unterstützen, habe ich mir eine Ecke in meiner Wohnung freigeräumt und zu einem dauerhaften Homegym mit Klimmzugrack, einigen Gewichten und 3m² Mattenfläche umgebaut. Das macht es mir definitiv leichter, weil die Fläche immer schon vorbereitet ist, um zB die Live-Classes meines Gyms mitzumachen oder eben selbst ein kleines Workout da zu starten. Mindestens einmal am Tag steht Sport auf meiner to do Liste. Das kann auch mal ‚nur‘ Laufen (natürlich mit aufwärmen und abdehnen) sein, oder ne Radtour, aber eben auch regelmäßig Kraft- und Kraftausdauertraining. Oft sind es aber tatsächlich 2 Einheiten – eine für mich und die zweite dann live am Rechner mit den Gymbuddies. Und auch sonst: die news-Zeit ist begrenzt, andere sinnvolle Beschäftigungen stehen im Vordergrund. Die Unsicherheit, die Corona mit sich bringt ist noch immer da, lähmt mich aber nicht mehr. Ich bin für mich da und kann dadurch auch für andere da sein und sie unterstützen.

Heiße Tipps für die Quarantäne-Zeit
Jeder Mensch ist anders und braucht andere Dinge, um gut durch so schwierige Zeiten zu kommen. Ich möchte hier nur ein paar Tipps teilen, die für mich sehr hilfreich waren.

  1. Tagesstruktur: auch wenn ihr grade vielleicht ohne Job und Termine seid, schafft euch eine Tagesstruktur mit fester Zeit zum aufstehen, für Sport, to dos, Freizeitaktivitäten
  2. Infrastruktur: für mich war es sehr hilfreich, eine definierte Fläche für den Sport zu Hause zu haben und mir die nicht jeden Tag auf‘s neue schaffen zu müssen. Gebt eurer Yoga- oder Fitnessmatte einen festen Platz in der Wohnung und verbannt den Sessel bis auf weiteres in irgendeine Ecke – Besuch darf man ja grade sowieso nicht bekommen.
  3. News-Filter: ich weiß, dass ich süchtig danach bin, immer möglichst viel mitzubekommen und mir auch zu allem ne Meinung zu bilden. In Zeiten wie diesen, wo man viel zu Hause ist und theoretisch den ganzen Tag das Internet leerlesen könnte, ist es besonders wichtig, sich dafür klare Zeiten und Auszeiten zu nehmen und zwischendurch auch mal Handy und Rechner auszuschalten und wegzulegen. Zumindest für mich fühlt sich das gerade wichtiger denn je an.
  4. Planvoll Sport machen: das heißt einerseits zu festen Zeiten (als ob man zu Kursen ins Gym gehen würde) andererseits mit Zielen vor Augen, auf die man planvoll hinarbeitet. Egal, ob das der 10k-Lauf in unter 50Minuten ist, der erste full range Pull-Up, X Liegestütze am Stück, oderoderoder. Überlegt euch, was ein Schwachpunkt in eurem Training ist, für den sonst nie so richtig Zeit ist und sucht euch assistierende Übungen dazu und verfolgt die systematische Verbesserung genau dieses Schwachpunktes.
  5. Mentales Training: Kampfsport kann man auch mental trainieren. Versetzt euch in Situationen und spielt die in eurem Kopf durch. Schaut euch Trainings-, Wettkampf- und Technikvideos an und zieht euch daraus Impulse für euer eigenes Training. Fokussiert euch gezielt gedanklich auf die mentale Beschäftigung mit eurem Sport, das können 10 Minuten am Tag sein, aber nehmt euch die.
  6. Sport ist mehr als Kraft und Ausdauer: kümmert euch gerade jetzt auch mal um Dinge wie mobility und Gleichgewicht. Beides wichtige Elemente auch im Kampfsport, die nicht selten im normalen Trainingsalltag zu kurz kommen – jetzt ist da endlich mal Zeit für!
  7. No pressure – keep it fun! Sport soll weiterhin Spaß machen und euch durch eine schwierige Zeit helfen, nicht eine zusätzliche Belastung sein. Macht euch keinen Druck damit, setzt die in 4. genannten Ziele so, dass sie auch erreichbar sind und ihr Erfolgserlebnisse habt. Stresst euch nicht mit Gedanken an den nächsten Wettkampf oder dass ihr evtl grade an Form verliert oder Techniken vergesst. Versucht einfach, der Situation gelassen entgegenzutreten und in eurem Rahmen das zu tun, was euch möglich ist und euch Spaß macht, um am Ball zu bleiben. Wenn man irgendwas in so einer emotional belastenden Situation wie der jetzigen nicht brauchen kann, dann sind es zusätzliche Selbstzweifel und Leistungsdruck, unter den man sich selbst setzt.

Lasst uns alle gemeinsam so gut wie möglich durch die #flattenthecurve-Zeit gehen. Passt auf euch auf, denkt aber auch an andere und wir sehen uns anschließend alle wieder auf den Matten, die die Welt für uns bedeuten!

Eine unerwartete competition – ohne Wettkampf in die Quarantäne
:valverie

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 06 Uhr morgens. Eigentlich würde ich jetzt aufstehen, mich langsam fertig machen, ins Gym fahren, unterrichten und danach mit meiner Trainingsschwester noch Pratzen ballern. Aber das geht jetzt erstmal nicht mehr.
Ich bleibe liegen und denke nach.
Eigentlich wollte ich in 4 Wochen kämpfen, ergo war ich mitten in der Wettkampfvorbereitung. Und jetzt fühlt sich wirklich ALLES an, als würde plötzlich eine Handbremse angezogen werden. Ich denke an meine Fahrstunde, in der ich die Gefahrenbremsung absolvieren sollte. Beschleunigung. Handbremse. 15 Jahre her, aber fühlt sich genauso an. Genau so. Nicht mehr jede Woche 13 Stunden Training für die Wettkampfvorbereitung. Keine Pratzen, kein Sparring, kein Geballer.
Keine Auslastung, keine maximale Endorphin-Ausschüttung. Kein tägliches körperlich anstrengendes Training mit einem klaren Ziel, das mich aktiv von den negativen Aspekten des Lebens und der Welt kurz ablenkt. Keine Sport-Community, in der ich trainiere und unterrichte, die mich mit ihrem Lächeln im Endorphin-Rausch auf der Matte ansteckt.

Jetzt bin ich „eingeschlossen“ in meinen vier Wänden, muss mich aktiv darum kümmern, meine Gedanken und Gefühle neu zu rahmen und zu verarbeiten. Denn das tue ich meistens in Verbindung mit Sport. Wenn ich selbst auswähle wie ich mein Training gestalte und was ich mir darin für Ziele stecke, trägt das außerdem ein Gefühl zur Selbstbestimmung und für mich insbesondere im Kampfsport zur Selbstermächtigung bei … #truestorybourdieu

Ich denke daran, dass andere gerade mit ihren Peiniger_innen eingeschlossen sind. Oder nicht mal vier Wände haben. Keine Absicherung, keine Möglichkeit sich über Homeworkouts und feel-good -Themen auseinandersetzen.
Das ist mir bewusst – und ich denke auch, dass sich das alle jeden Tag/jede Woche auch unabhängig von Corona ins Gedächtnis rufen sollten. Irgendwie sollte man sich doch immer im Kontext zur Welt und den Geschehnissen um sich herum setzen. Dennoch ist das kein Argument, keinen Sport zu treiben. Kein Sport hilft jetzt nicht denjenigen, die nicht die Möglichkeit haben. Wenn Sport dir gut tut, und dir Kraft gibt deinen Alltag zu bewältigen oder dir Kraft gibt anderen zu helfen – dann ist das ein wichtiger Akt des Empowerments.

Sport und Bewegung haben ja die Funktion inne, sich mit dem eigenen Körper zu connecten und das kann auch Auswirkungen auf die Psyche haben. Eigentlich sollte es als schönes und tägliches Bedürfnis gefeiert werden.
Wie das Ausmaß und die Form der Bewegung dann schließlich aussieht, sollte abhängig von den Bedürfnissen und Möglichkeiten der jeweiligen Personen sein. Leider sind viele durch eine unschöne Schulsportlaufbahn oder fragwürdige mediale sportliche Leistungs-Körperbilder geprägt und finden schwer ihren Weg in ihre Sportausübung, weil der nicht sichtbar ist. (Eigene) Wege in Sporträume können für viele Menschen große Hindernisse beinhalten.

Ich erinnere mich an den Zusammenhang zwischen körperlichen Bewegungen und die Auswirkungen auf Hirnregionen und Gefühle. Diese Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche, auch Embodiment genannt, macht sich z.B. die Trauma-Therapie zu nutze, wenn beispielsweise Hüpfen als Aufwärtsbewegung Auswirkungen auf die Amygdala hat, und positive Neurotransmitter produziert (vgl. Body2Brain-Methode// Croos-Müller 2017).

Positiven Auswirkungen erlebe ich auf mein restliches Leben, wenn ich z.B. konkrete Trainingsziele beschließe. Manchmal stärkt es mein Selbstbewusstsein und vor allem meinen Fokus andere Bestrebungen im sonstigen Leben anzugehen und zu erreichen. In meinem Training muss ich mich sehr fokussieren – wenn ich das nicht mache, gibt es ein Veilchen oder sonstige unnötige Verletzungen und unsaubere Techniken schleichen sich ein, die sich wiederum in mein Muskelgedächtnis einprägen.
Also was jetzt trainieren, damit ich meine Fokus und trainiere und nicht verliere? Ich frage mich, was ich für ein neues konkretes Trainingsziel habe?
Ich schaue mir wieder meinen aktuellen Trainingsplan an. Mein Wettkampfniveau kann ich jetzt nicht halten. Wäre auch auf Dauer nicht erstrebenswert für den Körper. Außerdem scheint noch lange nicht klar zu sein, wann es überhaupt wieder Möglichkeiten zum Kämpfen gibt.
Umdenken. Ich denke an das körperlich anstrengendste, was ich mir erarbeitet habe und nicht so leicht der neuen Situation unkommentiert überlassen will. Meine Ausdauer, quasi „die Form“ nicht zu verlieren, ist einer meiner ersten Gedanken. Ich schaue mir vorgeschlagene Workouts an und diskutiere mit mir, warum und welche Form ich meine? Videos wie „Bauch Workout hardcore“ und „Kalorien verbrennen während der Quarantäne“ werden mir vorschlagen. Werbung für Ernährungs- und Fitness-Apps ploppen auf.
Tatsächlich fühlt sich das jetzt noch stärker nicht richtig an, sich noch damit auseinanderzusetzen, irgendeinem Körperideal als Frau* und Kampfsportlerin* in einer Post-COVID19-Gesellschaft entsprechen zu müssen… #notyourcompetition
Ich akzeptiere langsam, dass ich nichts simulierend trainieren kann, was die Ausdauer an den Pratzen imitiert außer selbst an den Pratzen zu trainieren. Ich arrangiere mich damit, dass ich das erste Training kaum überleben werde, aber freue mich schon darauf und beschließe mir erstmal Ruhe und Akzeptanz zu geben und mich mit den momentanen Situationen auseinandersetzen zu können. Mein neuer Trainingsplan wird sich schon daran anschmiegen.

Vom Gym ins www. Quarantäne und virtuelles Training aus Trainerinnen Perspektive
:satela

Es ist nun bald Mitte März. Seit Tagen stehen die Überlegungen schon im Raum – aber den Gedanken richtig zulassen tue ich einfach nicht. Beziehungsweise werden die Gedanken vom Alltag verdrängt. Unterrichten, Wettkampfvorbereitung für mich selbst und für andere, die sich für die Vorbereitung mir anvertraut haben. Die körperliche Erschöpfung und gleichzeitig noch so viel Aufmerksamkeit für andere Kämpferinnen füllen mich so weit aus, dass diesen Gedanken – was passiert eigentlich im Falle einer Schließung des Gyms? – wenig Raum bleibt. Mein Wecker klingelt und ich will aufstehen – ich habe eine frühe Klasse an diesem Morgen – da sehe ich die Flut an Nachrichten im Team Chat, der noch lange, nachdem ich mein Handy schon beiseite gelegt hatte und eingeschlafen war, weiter lief. Und da steht es nun: „Nach Abwägen aller Aspekte werden wir das Gym ab sofort schließen (bis mindestens 20.4.)“ – das ist in 6! Wochen. Ich fühle mich orientierungslos. Was passiert mit dem Wettkampftraining? Wird es überhaupt Wettkämpfe geben? Bin ich nun 6 Wochen arbeitslos?? Ist das die Möglichkeit auf eine „Auszeit“ die man sonst so nicht hat? Was bedeutet das? Wie geht es mir damit? Was mache ich jetzt mit meinem Tag? – ich weiß es nicht. Der Fokus schon seit Beginn des Jahres: Die Wettkämpfe. Für mich, für mein Team, für die Leute die bei und mit mir trainieren. Ich wollte go machen, habe mich voll rein gehängt und nun liegt alles auf Eis. Da kommen auch schon die ersten Nachrichten der Wettkämpferinnen: „Was bedeutet es, dass das Gym nun zu ist?“ „Können wir nun nicht mehr trainieren?“ „Werden wir kämpfen?“ – ich weiß es nicht.
Die ersten Tage vergehen und es zeichnet sich mehr und mehr ab und manifestiert sich in meinem Kopf, dass das alles nun wirklich genau das bedeutet: Kein Gym, keine Klassen, kein Training, keine Wettkämpfe für irgendwen und das für einen langen Zeitraum und die Blase, in der ich mich die letzten Monate befand, platzt.

Ich bin froh meinem ersten Impuls sofort gefolgt zu sein: mit einem Rucksack vollgestopft mit allen möglicherweise nötigen Dingen die Stadt verlassen zu haben und mitten im Nirgendwo erst einmal tief durchzuatmen.
Die nächsten Wochen sind geprägt von Auf’s und Ab’s und verschiedenen Strategien wie ich das ganze für mich persönlich und für mich als Sportlerin verhandle und bewältige. Manche funktionieren, andere funktionieren nicht, zu manchen habe ich ein ambivalentes Verhältnis.
Im Vordergrund steht von Anfang an vor allem auch meine Rolle als Trainerin, denn bevor ich eigentlich ganz verstanden habe wie es mir selbst persönlich und als Sportlerin damit geht bin ich schon dabei Ratschläge und Einschätzungen für die Leute die bei mir trainieren herauszugeben und versuche ihren Sorgen und ihrer Orientierungslosigkeit motivierend zu begegnen. Denn ich weiß der Sport hat für die meisten eine enorme Bedeutung, steht für so viel mehr als nur schlagen und treten. Auch für mich ist der Sport oft Bewältigungsstrategie für so vieles. Da ich darum weiß, ist es mir wichtig das Gefühl zu vermitteln, dass niemand allein ist damit.
Natürlich hat das Ganze auch existentielle Aspekte, schließlich handelt es sich beim unterrichten und coachen nicht nur um ein Hobby, sondern auch um meinen Job. Die Situation ist wieder einmal von Unsicherheit geprägt ob das Gym diese Krise überleben wird und ich bin froh keinen Verein mehr zu managen, sondern mittlerweile festangestellter Teil einer größeren Struktur zu sein.

Nun fast 4 Wochen später finde ich mich als youtube-Trainerin und in einem Homeoffice wieder, wo meine Aufgaben auf einmal nichts mehr damit zu tun haben Pratzen zu halten, Gruppen zu betreuen und auf Wettkämpfe zu fahren. Stattdessen turne ich in einem leeren Raum und spreche dabei mit meinem Handy. Mein Handy gibt kein Feedback. Mein Handy turnt nicht falsch oder richtig, beginnt nicht schwerer zu atmen, sodass ich weiß wie anstrengend es für andere gerade ist. Es hat kein Gesicht auf dem ich ablesen kann wie das Training aufgenommen wird. Noch viel mehr Zeit verbringe ich nun vor einem Bildschirm, wo ich Videos redigiere, schneide, Text einfüge, exportiere, Datenvolumen überschreite, Instagram Tutorials studiere, Titelbilder designe und und und. Ich habe viereckige Augen und verstehe oft nicht mit wem ich da eigentlich rede – wer eigentlich hinter diesen kleinen runden Bildern steckt, die da auf meinem kleinen Bildschirm flirren und die virtuelle Daumen oder Herzchen verteilen.
Manche Leute schicken Bilder und Videos wie sie die Videos zuhause nachturnen und das macht mich irgendwie froh. Ich merke, dass die leeren Räume in denen ich da turne gar nicht so leer sind und habe die Hoffnung den Leuten zumindest einen kleinen Teil von dem, was sie in ihrem Alltag vermissen: das Training und die Bewegung aber vor allem all dem was dies für Leute bedeutet, nach Hause schicken zu können. Ich denke wir alle kompensieren etwas mit unserem Sport oder finden in ihm eine Ausdrucksform, die wichtig für uns ist.

Andere Leute sind auf einmal ganz verschwunden. Leute, die mehrmals die Woche in meine Klassen kamen und ich schäme mich fast dafür zu merken, dass ich teilweise nicht einmal ihre Namen weiß. Ich weiß wie sie sich bewegen, manchmal auch wie sie riechen, ich weiß um körperliche Stärken und Schwächen die sie haben, ich weiß wie sie reagieren wenn sie geschlagen oder getreten werden – aber ich kenne ihre Namen nicht. Dennoch muss ich an sie denken und frage mich wie es ihnen wohl geht, ob sie trainieren, ob ihnen die Klassen fehlen und ob sie wohl auch irgendwo vor ihren Bildschirmen sitzen und sich wünschen sie würden stattdessen in die Pratzen treten – ich weiß es nicht.
Stattdessen tauchen andere Leute auf, die noch nie in einer Klasse von mir waren und schicken mir Bilder wie sie wiederum vor ihren Bildschirmen stehen und über diesen mit mir trainieren. Alte Schulfreund*innen – Leute die sonst keinerlei Berührung mit meiner ganzen Sportwelt haben. Es berührt mich, dass sie auf einmal in ihr auftauchen – wieder ist der Raum in dem ich turne weniger leer.

Ich selbst merke, dass ich neben dem ganzen Schneiden, Editieren, Exportieren und co überhaupt keinen Bock mehr habe selbst nach Trainingsvideos Sport zu machen – und das obwohl meine virtuelle Lieblings- Yogalehrerin schon lange vor COVID 19 seit meiner allerersten Wettkampfvorbereitung fester Bestandteil meines Alltags war. Ob es ihr wohl auch so geht wenn sie am anderen Ende der Welt vor ihrem Bildschirm sitzt? – Ich weiß es nicht.