„Beautiful face but arm like man“

Wenn dein Körper über die Normen schlägt. Die Verankerung von Schönheitsidealen und Bildern starker Frauen in der Gesellschaft

„Massive Frau!“

„You even have abs! – May I touch them?“

„Was ist mit deinem Kreuz los? Machst du CrossFit?“

„Was hast du eigentlich für Arme?“

„Da bekomme ich ja direkt Angst wenn ich dich so angucke“

„What caught my attention is that your arms seem bigger than mine“

Diese Beispiele von Kommentaren sind seit vielen Jahren Teil meines Alltags. Dazu kommen noch die Leute, die gar nicht erst kommentieren, sondern ungefragt noch während des Redens ihre Hände ausstrecken und meine Arme betatschen. Insbesondere jedes Jahr im Frühjahr wenn ich auch mal wieder im T-Shirt unterwegs bin geht eine neue Welle ebendieser Kommentare auf mich nieder. Teils von random Leuten auf der Straße. Aber auch jedes Mal wenn ich ein neues Gym betrete und mich unter Sportler*innen aufhalte ist eines der ersten Themen das Aussehen meines Körpers. Obwohl man ja meinen könnte unter Sportler*innen sei es „normal“, dass Leute halt sportlich aussehen.

Aber ganz so einfach scheint es nicht zu sein.

Zum einen beschäftigt mich an der ganzen Sache seit Jahren der deutliche Unterschied, der gemacht wird zwischen mir und den männlichen Sportlern neben mir, die nicht kommentiert werden, deren Muskeln nicht erstes Gesprächsthema sind oder einen Kommentar auch ohne vorangehendes Gespräch erhalten. Ihre Muskeln, ihre Körper scheinen „normal“ zu sein. Meiner scheint im Umkehrschluss offenbar als „unnormal“ wahrgenommen zu werden. Zum anderen habe ich mich im Laufe der Jahre zwar einigermaßen an solche Kommentare gewöhnt, aber es gab Phasen in denen sie mich wie eine seltsame Spezies eines Zirkus fühlen ließen was dazu führte, dass ich meine ach so breiten Schultern und „dicken“ Arme lieber unter weiten T-Shirts und Pullovern verborgen habe.

Wo bei einigen Männern vll das Feinrippunterhemd gezückt werden würde oder die Oberkörperbekleidung auch mal ganz zuhause vergessen wird, verschwand ich in weiten Shirts und Pullovern, müde davon immer kommentiert zu werden und jemandem zur Unterhaltung zu dienen.

Mittlerweile bin ich recht unbeeindruckt von so etwas. Es gibt kaum Kommentare, die ich nicht schon einmal gehört hätte. Sie rufen meist nur noch ein müdes ironisches Lächeln hervor oder an genervten Tagen ein ungläubiges Rollen der Augen.

Für mich war das Aussehen meines Körpers lange Zeit eher eine Art „Nebenprodukt“ meiner Leidenschaft, die aus täglichem Muay Thai Training bestand. Dass einfach nur über den Körper an sich gesprochen wurde, hat mich genervt und erschien mir als eine lächerliche Reduzierung von so viel mehr. Ganz nach dem Motto „some people train to look good, some people train to kick ass“. Genervt hat mich, dass dieser Unterschied nicht gesehen wurde. Auch wurde ich – obwohl mein Körper so ungewöhnlich erschien, oft direkt in die klassische Schublade „Frau macht Fitness Sport um gut auszusehen“ gesteckt. Auch das hat mich genervt. Ich versuchte mich jedoch immer auf meine Leidenschaft zu besinnen – auf meinen Sport. Ähnlich drückt es auch UFC Champion Ronda Rousey in ihrer Biografie aus:

„Ich spürte, dass ich schneller und stärker wurde. Meine Schultern wurden breiter, meine Waden fester. Als Kind hatte ich immer die Adern auf den Unterarmen meiner Mom bestaunt, die auch nach ihrer Judozeit noch muskulös waren. Nun sahen meine Arme genauso aus. Ich hatte mich seit der Mittelstufe immer wegen meiner Arme geniert, weil mich andere Kinder damit aufzogen und mich wegen des Umfangs meiner Oberarme und Schultern „Miss Man“ nannten. Aber immer wenn ich im Spiegel die Veränderungen meines Körpers bemerkte, erinnerte ich mich daran, dass ich für olympisches Gold trainierte, nicht für einen Schönheitswettbewerb.“1

Die Wahrnehmung von Körpernormen befindet sich seit einigen Jahren in einem starken Wandel. Insbesondere die aufkommende Popularität von CrossFit hat dazu einiges beigetragen. Hier kann, darf und soll der weibliche Körper wie alle anderen Körper muskulös sein. Mittlerweile laufe ich selbst mit meinem Körper auch sehr selbstbewusst herum und bin an vielen Tagen irgendwie auch stolz darauf ein verkörpertes Beispiel davon zu sein, dass Frauen nicht mit Schwäche gleichzusetzen sind. Ein weiteres Beispiel zu sein für einen gesellschaftlichen Wandel von Körpernormen und ihrer Wahrnehmung.

Dennoch gibt es auch immer wieder Momente in denen es frustrierend und ermüdend ist zu merken wie unglaublich langsam dieser Wandel sich vollzieht und wie tief gesellschaftliche Normierungen von „Frauen- und Männerkörpern“ (und natürlich nichts daneben) verankert sind und sich überall bemerkbar machen.

Das ein oder andere Mal bekam ich den Rat bei Kommentaren einfach tief durchzuatmen und mir zu sagen „Ich bin eine „Amazone“ und die Leute bewundern mich eben!“

Natürlich verleiht mir mein Körper auch Empowerment – ich bin und fühle mich stark und das können auch andere sehen. Ich denke oft, dass mich das – neben der Körper Kommentare – vor vielen anderen Kommentaren und Übergriffen schützt. Mein Körper und seine Haltung strahlt Autorität aus und gibt mir so das Privileg mich sehr frei bewegen zu können. – Doch „Amazone“? Was hat es mit diesem Begriff eigentlich auf sich?

Dieses Wort taucht schnell auf sobald es um starke Frauen, um muskulöse Frauen oder um auch um Frauen im Kampfsport geht. Auch bei einer Fightnight bei der ich selbst im letzten Jahr gekämpft habe, wurde formuliert, dass die „Amazonen“ an diesem Abend im Fokus stünden, als unser Turnier zwischen 4 Kämpferinnen angekündigt wurde.

Als Amazonen (altgriechisch Ἀμαζόνες Amazónes) werden in griechischen Mythen und Sagen einige Völker bezeichnet, bei denen Frauen „männergleich“ in den Kampf zogen.

So lautet der erste Satz der Definition bei Wikipedia. Das erste Bild mit zugehörigem Text das einem die Suchmaschine präsentiert wird, zeigt unter der Überschrift „Mythisches Männertrauma“ eine leicht bekleidete Frau mit Leder-, Ketten-, und Nietenelementen auf ihrer ….Unterwäsche?2

Es wird schnell deutlich was das problematische an dem Bild der „Amazonen“ ist – es funktioniert selten ohne eine sexuelle Konnotation und symbolisiert doch auch wieder nur ein objektiviertes sexualisiertes Bild von Frauen für Männer.

Eine ZDF Doku erzählt von einem jahrzehntelangen Streit in den Wissenschaften darüber, ob es wirklich ein ganzes Volk von „Amazonen“ im Verständnis von „weiblichen Kriegerinnen“, gegeben hat – einzelne hat es definitiv gegeben – oder ob es mehr eine „erotische Männerfantasie“ ist3. Kommentiert wird, dass fürchten und verehren sehr nah beieinander liegen würden. Dies ist wohl auch ein Prinzip, das greift, wenn Männer sich in einem vertraulich schleimigen Ton in der Stimme an Kämpferinnen/Kampfsportlerinnen wenden und fragen ob man sich nicht mal zum gemeinsamen Sparring treffen könne. Diese Leute wären wohl besser bei Dienstleistungsangeboten aufgehoben, die sich das Vermöbeln von Männern in einem Sportsetting gespickt mit zweideutigen Kommentaren wie z.B. „jemanden mal fest in die Beinschere zu nehmen“ tatsächlich zum Beruf gemacht haben. Diese Frauen* arbeiten jedoch nicht als Trainerinnen im eigentlichen Sinne und herkömmlichen Gyms, sondern imitieren eine „Männer-Fantasie“ körperlich von einer Frau dominiert zu werden. Das hat nichts mit mir als Athletin zu tun und auf ein als „Sparring“ betiteltes Date, das einem Mann lediglich dem eigenen persönlichen Vergnügen dient etwas „Aufregendes“ zu erleben, kann ich persönlich gut verzichten.

Auch die „Amazonen“, die uns in der jüngeren Pop-Kultur begegnen wie aus den 90er Jahren Xena in ihrer gleichnamigen Fernseh-Serie oder die Verfilmung von DC’s Wonder Woman aus dem Jahre 2017 bergen neben dem zunächst erfreulichen Umstand, dass überhaupt mal heldenhafte starke Frauen in den Hauptrollen zu sehen sind viel problematisches und ambivalentes. Die Kriegerin Xena erlangte große Beliebtheit in der LGBT Szene, da in den Subtexten der Dialoge Anspielungen auf lesbische Liebesbeziehungen gelesen wurden – und dies erstmalig in einem Format wie diesem. Ein wichtiger Schritt, dass die Möglichkeit lesbischer Beziehungen einen Raum in einem breiten Fernseh-Format fand, dennoch nicht ganz frei von Ambivalenz. Xena als Frau mit ihren „männlichen Eigenschaften“ stark und kriegerisch zu sein mit denen sie von der Norm abweicht wird direkt auch in ihrer Sexualität in Frage gestellt. Natürlich ist es Xenas gutes Recht zu lieben wen sie will – ich denke jedoch die Kombination ihrer „männlichen Eigenschaften“ und ihrer vermuteten (aber auch nie klar gestateten) Homosexualität bestärkt in einem Format wie diesem eher gesellschaftlich verankerte negativ konnotierte Bilder der „Kampflesbe“ oder des „Mannsweibes“ als dass emanzipatorische Inhalte vermittelt werden. Wer so stark ist, wird in der Weiblichkeit hinterfragt. Wer so männlich ist, wird in der Sexualität hinterfragt. Xena schlägt weit über die Norm der 90er Jahre – so viel steht fest. Bei diesen Gedanken kommt mir auch die mediale Darstellung von Spitzensportlerinnen in den Sinn, die oft entweder in übertriebener Weiblichkeit präsentiert werden oder aber in ihrer Weiblichkeit hinterfragt werden. Diese Diskurse gipfeln in Debatten um „Geschlechtstests“ bei Olympia Sportlerinnen, in denen ihre sportliche Leistung mitsamt ihrer gender- Identität hinterfragt wird. Es findet eine klare Markierung statt, dass ihre Leistung & ihre Körper nicht „normal“ seien.

Side-Funfact-Anekdote: Als ich mich vor vielen Jahren einmal dazu hinreißen ließ eine Männergruppe in einer Kneipe in ihrem Arm-Drück-Messen durcheinander zu bringen, wurde nach meiner eindeutigen Überlegenheit immer noch argumentiert, dass Frauen das ja eigentlich nicht könnten und Frauen normalerweise ja nicht so stark seien.

Die wohl jüngste in der popkulturellen Welt aufgetretene Amazone ist Wonder Woman – eine von DC’s ältesten Superheld*innen und die Tochter einer Amazone – sogar der Amazonen-Königin. Ihre Hauptwaffe ist ein Lasso. Ihr Schöpfer Marsten wollte zwar nach eigener Aussage aus feministsicher Motivation eine starke Superheldin ins DC Universum setzen, jedoch sah er späteren Aussagen zufolge das Lasso auch als „Ausdruck unbewusster, männlicher Wünsche, von einer Frau gebunden & gezähmt zu werden“.4 Dass selbst Wonder Woman lediglich den unbewussten männlichen Wünsche dient, kommt natürlich nun nicht gerade feministisch rüber, sondern zeigt vielmehr erneut wie durch die „Faszination von Fürchten und Verehren“ eine objektivierte Sexualisierung der Frau stattfindet. Auch in der neuesten Verfilmung von 2017 glänzt Wonder Woman nicht gerade durch eine besondere eigene Willenskraft, sondern wie so oft steht im Vordergrund ihre emotionale Hingabe für den eigentlichen Nebencharakter. Ein starkes weibliches Vorbild können wir in ihr nicht gerade finden und nach der Recherche empfinde ich den Amazonen – Vergleich am Ende wenig schmeichelhaft und dennoch aufschlussreich. Das Bild der starken Frau darf noch immer nur bedingt und eingeschränkt funktionieren. Von ihm scheint eine Bedrohung und Verunsicherung auszugehen, die unter Kontrolle gehalten werden muss und im Zweifel mit dem Umstand „nicht normal“ zu sein diskreditiert wird.

Zurück zum Titel des Artikels: „Beautiful face but arm like man“ ist ein Zitat das mir mehr als einmal bei Trainingsaufenthalten in Thailand begegnet ist. Im ersten Teil des Satzes ist die Welt noch in Ordnung: woman – beautiful face – das funktioniert zusammen und genau das möchte mann hören und sehen. Doch die Idylle des Betrachters wird dann gestört: Durch die Arme – die sehen so aus als könnten sie nur zu einem Mann gehören und nur dort sind sie akzeptabel. Die beiden Sätze verbindet kein and sondern ein but. Es wird etwas gestört. Und was? – Der männliche Betrachter, bei dem der objektivierte Körper Irritationen hervorruft und diese Irritation wird auch umgehend kundgetan. Der Betrachter zweifelt nicht daran, dass er in der Position ist diesen Körper frei Schnauze beurteilen zu können, denn es handelt sich auch 2020 in vielen Köpfen bei dem weiblichen Körper um einen body for others (Bourdieu). Am Ende ist es wohl trotz nervender Kommentare nicht das Verkehrteste Irritationen zu erzeugen.

1Ronda Rousey/Maria Burns Otiz: Zur Kämpferin geboren (2016), S. 85

2 https://radio-kreta.de/mythisches-mannertrauma-die-amazonen/

3 ZDF Doku „Die Amazonen. Auf der Spur antiker Kämpferinnen”(2017)

4https://de.wikipedia.org/wiki/Wonder_Woman